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Mitglied der SBK Mitglied der SBK | 28.02.2012

Bischofswort zum Dies Iudaicus vom 4. März 2012

Bischof Felix Gmür

Liebe Schwestern und Brüder

Im vergangenen Jahr fand zum ersten Mal der Dies Iudaicus statt. Die Schweizer Bischofskonferenz führte diesen Tag ein, damit wir uns erneut der jüdischen Wurzeln des Christentums bewusst werden und dem Dialog mit dem Judentum neue Impulse geben. Auch in diesem Jahr wird dieser besondere Gedenktag am zweiten Fastensonntag begangen. Er soll uns vor Augen führen, dass wir mit dem Volk des Alten Bundes nicht nur eng verbunden sind, sondern dass die Beziehungen zum Judentum einen wesentlichen Bestandteil unserer eigenen christlichen Identität ausmachen.

„Die Wurzel trägt dich“ (Röm 11,18)

Im Römerbrief verwendet der heilige Paulus ein ansprechendes Bild. In einen edlen Ölbaum wurden Zweige eines wilden Ölbaums eingepfropft, damit diese an der Kraft seiner Wurzel Anteil erhalten. Paulus ermahnt die Christin und den Christen: „Erhebe dich nicht über die anderen Zweige. Wenn du es aber tust, sollst du wissen: Nicht du trägst die Wurzel, sondern die Wurzel trägt dich“ (Röm 11,18). Ohne Blick und Rückbezug auf die Wurzel des Judentums bleibt das Christentum geschichtslos, damit gesichtslos und der Gefahr ausgesetzt, seine eigentliche Identität nicht in vollem Umfang einzuholen. Jesus war Jude, er ist als gläubiger Jude geboren und als gläubiger Jude gestorben, er lebte voll und ganz in den religiösen Traditionen seiner Zeit, betete die Psalmen, ging in den Tempel, hielt die damals gängigen religiösen Vorschriften. Seine ersten Anhänger, die ihm nachgefolgt waren, kamen aus dem gleichen Kulturkreis und lebten in denselben religiösen Traditionen. Die Kirche Jesu Christi wurzelt also im Judentum, sie fusst auf dieser Basis, und diese Basis ist als Wurzel unverzichtbar. Dem Mutterboden des Judentums zur Zeit Jesu verdankt sich sowohl das Christentum als auch das rabbinische Judentum. Beide können als Geschwister betrachtet werden, die eng aufeinander verwiesen sind, sich aber im Laufe der Geschichte auseinander gelebt haben. Die Geschichte Israels mit seinem Gott mündet für uns Christinnen und Christen in die Geschichte Jesu Christi, die sich in die Geschichte der auf ihn gegründeten Kirche hinein verlängert. Der Alte Bund, den Gott mit Israel geschlossen hat und der bis heute gültig ist, bekommt im Neuen Bund in Jesus Christus eine universale Ausrichtung. Der Heilige Augustinus formuliert treffend: „Der neue Bund ist im Alten verborgen, der Alte aber im Neuen erschlossen“ [1].

„Segnen sollen sich mit deinen Nachkommen alle Völker der Erde“ (Gen 22,18)

Durch das Christus-Ereignis öffnet sich für uns Christenmenschen der heilsgeschichtliche Horizont. Er wird von einer partikularistischen Sicht befreit und reicht bis an die Grenzen der Erde. Er ist ohne Unterschied für alle Völker gültig. Zwar kennt schon das Alte Testament eine universalistische Ausrichtung, aber diese hat einen anderen Grundansatz: Über das Judentum werden alle Völker den wahren Gott Israels anbeten und verehren [2]. In der ersten Lesung des zweiten Fastensonntags heisst es in Bezug auf Abraham: „Segnen sollen sich mit deinen Nachkommen alle Völker der Erde“ (Gen 22,18). Abraham ist dazu bestimmt, ein Segen zu sein, durch ihn „sollen alle Geschlechter der Erde Segen erlangen“ (Gen 12,3). In dieser Lesung wird Abraham von Gott aufgefordert, seinen geliebten einzigen Sohn Isaak darzubringen, den Verheissungsträger zu opfern, durch den sich Gottes Verheissungsgüter „Volk und Land“ verwirklichen sollen. Gott unterzieht Abraham einer schweren Prüfung. Dieser aber weiss, dass alles Geschenk von Gott her ist, er aber letztlich keinen Anspruch auf Gottes Verheissungen hat. Deshalb muss er sich bedingungslos und gehorsam allein am konkret an ihn ergangenen Wort festmachen. Abraham besteht die Probe. Der Verheissungsträger wird nicht geopfert. So erweist sich Abraham als Vater des Glaubens, denn er hat im Gehorsam Gott mehr geglaubt als jeder menschlichen Berechnung und Erwägung.

„Das ist mein geliebter Sohn; auf ihn sollt ihr hören“ (Mk 9,7)

Im Verheissungsträger Isaak haben manche Kirchenväter in gewissem Sinn ein Vorausbild Christi gesehen. Während der Sohn Abrahams auf den Scheiterhaufen gebunden und das Opfer seines Lebens nicht gefordert wurde, liess sich Jesus Christus ans Kreuz binden und annageln, um in seiner Lebenshingabe die Menschen von Sünde und Tod zu befreien. Christus war auf diese Weise nicht nur Verheissungsträger, sondern die Fleisch gewordene Verheissung Gottes selbst. Er ist das Wort zum Leben. Als Christen machen wir uns an diesem Wort fest und sind eingeladen, auf es zu hören. Das Evangelium des zweiten Fastensonntags berichtet, wie Jesus auf einem hohen Berg vor den Augen der Jünger verklärt wird und eine Stimme aus der Wolke spricht: „Das ist mein geliebter Sohn; auf ihn sollt ihr hören“ (Mk 9,7). Auf Jesus zu hören, ihm zu folgen, ihm und an ihn zu glauben: Das gehört zum unverzichtbaren Kern christlicher Existenz. Hören, Folgen, Glauben, und zwar in Bezug auf das Wort Gottes: Das gilt auch für das Judentum aller Zeiten. Für gläubige Juden hat sich der Gott Israels in der Tora geoffenbart. Auf sie ist zu hören, ihren Anweisungen ist Folge zu leisten, ihr ist Glaube zu schenken. Wir Christen gehen von einer lebendig gewordenen Tora, vom Mensch gewordenen Wort Gottes aus, das uns nicht nur ins richtige Gottesverhältnis setzt, sondern auch das Leben in Fülle schenkt (vgl. Joh 10,10).

Juden und Christen sind und bleiben auch heute Geschwister. Sie sind eng aufeinander angewiesen, selbst wenn es nicht nur Gemeinsames, sondern auch Trennendes gibt. Vor allem die Gestalt Jesu wird von Juden und Christen völlig anders gesehen. Doch mit Blick auf den Vater Jesu Christi, den Gott Israels, können Juden und Christen – auf je verschiedene Weise – den Blick zu Gott erheben und gemeinsam versuchen, ein Segen für die Menschheit zu sein, indem sie die Liebe Gottes zu den Menschen im konkreten Alltag bezeugen. In diesem Sinn kann der Dies Iudaicus dazu beitragen, die Freundschaft zwischen Juden und Christen zu vertiefen und den gemeinsamen Dialog mit Freude und Elan fortzuführen.

+ Felix Gmür
Bischof von Basel

[1] Vgl. Augustinus, Quaest. In Hept. 2,73 (PL 34,623).

[2] Vgl. z.B. Jes 2,1-5; Sach 14,12-19.