SBK-CES-CVS Schweizer Bischofskonferenz | 08.09.2017

Message de la Conférence des évêques suisses à l’adresse des agents pastoraux, prêtres, diacres et laïcs


SBK-CES-CVS Schweizer Bischofskonferenz | 31.07.2017

Niklaus von Flüe 2017



SBK-CES-CVS Schweizer Bischofskonferenz | 21.05.2017

Vernissage des Schweizer Pavillons an der Reformations-Weltausstellung in Wittenberg


Alle Dokumente

Mitglied der SBK Mitglied der SBK | 26.02.2013

"Der betagte Mensch und der pflegebedürftige Patient"

Botschaft der Schweizer Bischofskonferenz zum Tag der Kranken (3. März 2013)

Brief an die Kranken, ihre Familien und ihre Umgebung

Wenn im Leben alles gut geht, verstreicht die Zeit rasch. Muss man aber Schmerzen ertragen oder begleitet man einen kranken Menschen, so scheint die Zeit stillzustehen. Dann geschieht es oft, dass Ungeduld den Menschen verbittert, ihn sensibler macht für alles, was um ihn herum geschieht, für alles, was man macht und sagt.

Im Französischen sagt man, ein kranker Mensch, ein Mensch, der im Spital liegt, sei ein "patient", also ein "Geduldiger". Was aber tun oder sagen, wenn der Patient ungeduldig wird und die Umgebung die Geduld verliert?

Oft hört man, die Geduld sei die Mutter der Tugenden. Ist man also geduldig, so sollten uns die "Töchter" der Geduld nach und nach zu Hilfe kommen. Es sind dies Sanftmut, Bescheidenheit, Akzeptanz, vor allem aber Glaube und Hoffnung, die unser Herz für das Wirken Gottes öffnen.

Um heute darüber zu sprechen, wollen wir uns in zwei Situationen hinein versetzen: diejenige des betagten kranken Menschen und diejenige des Suchtkranken.

Der betagte leidende Mensch

Das Problem des betagten Menschen ist nicht neu. Zu allen Zeiten musste man sehen, wie Gebrechen sehr betagte Menschen heimsuchen. Von einem alten Menschen, der mehr und mehr den Sinn verlor, sagte man früher, er falle in die Kindheit zurück. Jesus sagt uns zwar, wir sollen einen kindlichen Geist haben, doch freut sich bestimmt niemand darüber, wenn sein Gang schwach wird, die Sehkraft schwindet oder die Ohren halb taub werden.

Es kommt eine Zeit im Leben, sei es im Alter oder während einer schweren Krankheit, wo man sich viele Fragen stellt. Man kann nicht mehr arbeiten, hat das Gefühl, für die Nahestehenden eine Last zu sein, ihnen Sorgen zu bereiten... All das spuckt im Kopf herum und wird zu einer echten Versuchung, den Mut zu verlieren.

Die Bibel, das Buch Kohelet, enthält ein wunderbares Kapitel, das lautet: "Denk an deinen Schöpfer in deinen frühen Jahren, ehe die Tage der Krankheit kommen und die Jahre dich erreichen, von denen du sagen wirst: 'Ich mag sie nicht!'"

In poetischer Sprache beschreibt es das hohe Alter: "Ehe Sonne und Licht erlöschen... am Tag, da die starken Männer sich krümmen, die Müllerinnen ihre Arbeit einstellen, weil sie zu wenige sind, es dunkel wird bei den Frauen, die aus den Fenstern blicken, und das Tor zur Strasse verschlossen wird, wenn die Töne des Lieds verklingen... wenn man sich vor der Anhöhe und vor den Schrecken am Weg fürchtet... Doch ein Mensch geht zu seinem ewigen Haus, und die Klagenden ziehen durch die Strassen... (Kohelet 12).

Es ist dies eine günstige Zeit, in sein Herz Worte aufzunehmen, wie die, die der heilige Paulus in seinem Brief an die Römer nahelegt: "Ich bin überzeugt, dass die Leiden der gegenwärtigen Zeit nichts bedeuten im Vergleich zu der Herrlichkeit, die an uns offenbar werden soll" (Röm 8). Diese Worte wollen dem Leiden Hoffnung schenken im Hinblick auf das ewige Leben. Im Unterschied zum Hoffnungsschimmer, der ein sofortiges Glück betrifft, ist die Hoffnung eine Tugend, die es zu entdecken gilt: sie nimmt uns mit bis in den Himmel, der wie ein kommendes ewiges Glück gesehen wird. "Die Hoffnung aber lässt nicht zugrunde gehen, sagt uns der heilige Paulus, denn die Liebe Gottes ist ausgegossen in unsere Herzen durch den Heiligen Geist, der uns gegeben ist." (Röm 5).

Wie aber können wir im voraus die Altersgebrechen annehmen, wie können wir akzeptieren, immer schwächer, ja alt zu werden, wenn wir nicht nach der inneren geistigen Kraft suchen? Der heilige Paulus spricht davon, wenn er sagt: "Wenn unser irdisches Zelt – unser Leib abgebrochen wird, dann haben wir eine Wohnung von Gott, ein nicht von Menschenhand errichtetes ewiges Haus im Himmel" (2 Ko 5). Diese Wohnung ist schon in jedem von uns. Je älter wir werden, je weniger Aktivitäten wir haben, wird es Zeit, die inneren Werte zu entdecken und zu pflegen.

Familie, Umgebung, Pflegepersonal

Wir haben hier die Gelegenheit, uns an die Familien der Kranken, an das Umfeld und an das Pflegepersonal zu wenden. Zuerst möchten wir euch, die ihr euch so gut darum kümmert, die Schmerzen der Patienten in den Spitälern, in ihrem Zuhause und in den Heimen für Betagte erträglicher zu machen,  ein grosses Dankeschön sagen. Eure Rolle ist sehr wichtig, denn zuerst geht es darum, das Bedürfnis nach einer Präsenz zu erfüllen. Menschen, die sich verlassen fühlen, haben oft nicht mehr die Kraft, gegen die Infirmität oder die Krankheit zu kämpfen.

Was aber soll man sagen, was kann man tun, wenn der betagte Mensch seine intellektuellen Fähigkeiten, sein Gedächtnis verliert?

Schon in der Bibel, im Buch Jesus Sirach, sagte der Weise: "Mein Sohn, wenn dein Vater alt ist, nimm dich seiner an und betrübe ihn nicht, solange er lebt. Wenn sein Verstand abnimmt, sieh es ihm nach und beschäme ihn nicht in deiner Vollkraft!" (Jesus Sirach 3)

Es ist äusserst wichtig, den Menschen, die ihre intellektuellen Fähigkeiten eingebüsst haben, mit Respekt und Zuneigung zu begegnen. Sie sind wie kleine Kinder, die, auch wenn sie dem Gespräch nicht folgen können, so doch Zärtlichkeit und Liebe spüren. Und es gibt ja nicht nur das, was aus diesen Menschen mit dem Alter geworden ist. Es existiert ja immer noch der Respekt, ja sogar die Bewunderung, die sie früher geweckt haben. Und weil es unsere Eltern oder Wohltäter waren, verdienen sie unsere Dankbarkeit. Sie zu lieben und ihnen zu dienen, heisst den Herrn selbst zu lieben und ihm zu dienen: "Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan" (Matt 25,40). Die Angehörigen einer Familie, die den Kranken begleiten, sollen nicht zögern, Hilfe zu erbitten. Es ist eine Form von Bescheidenheit und Weisheit, Hilfe anzunehmen, denn man muss ja auf Dauer durchhalten können.

Ein anderes Thema: Opfer von Sucht und Abhängigkeit

Wir wollen es hier wagen, auch die Situation der durch Alkohol, Drogen und andere Abhängigkeiten verursachten Kranken zu erörtern.  Diese Krankheiten bringen oft Schuldgefühle von Seiten des Patienten und Unverständnis ja sogar Verachtung von der Umgebung mit sich. Sie werden oft angeklagt, es fehle ihnen am Willen, an Mut oder Ausdauer, um aus ihrem Zustand herauszufinden. Oft sind diese Patienten Opfer von Spott oder Verachtung und scheinen unfähig, der Versuchung zu widerstehen und fallen trotz aller Beteuerungen immer wieder zurück in ihr Elend. Man muss sich auch bewusst sein, dass sie sich unter dem Einfluss von Alkohol oder Drogen besser fühlen und diese somit unbewusst als ihre Arzneimittel ansehen. Denn unter ihrem Einfluss vergessen sie für eine kurze Zeit ihre Probleme, was sie dann leicht dazu führt, die Personen, die ihnen wirklich helfen wollen, zu manipulieren.

Vom medizinischen Standpunkt aus weiss man, dass diese Art von Sucht gewisse Zellen des Gehirns zerstört und den Willen schwächt. So verstecken sich diese Menschen meistens, um dem Urteil und dem Eingreifen der Umgebung zu entgehen. Es ist ein tiefgreifendes Problem und entsteht von zahlreichen Erb- oder Umstandsfaktoren. Ein Gefühl des Unverstandenseins, der Angst, des familiären, sozialen oder beruflichen Scheiterns kann zu einer Kompensation, zu einer Abhängigkeit führen.

Die Umgebung leidet unter diesem Verhalten und muss Mut beweisen, um die Betroffenen weiterhin zu lieben. Wohlwollende Gesten, Worte der Zuneigung und Gebete helfen mehr als alle Zurechtweisungen. Es ist manchmal schwierig, den Weg zu ihrem Herzen zu finden, aber wohlwollende Liebe kann Wunder wirken.

Der Stress des Begleitens

Wir dürfen den Stress, die Zermürbung und die Müdigkeit derjenigen, die alte Menschen und abhängige Kranke umsorgen, nicht vergessen. Ihre Aufmerksamkeit und ihre Wachsamkeit müssen stetig und uneingeschränkt sein.

Es gibt Institutionen und Vereinigungen, die es den Patienten erlauben, ohne Vorurteile über ihre Probleme zu sprechen. Wir können den Menschen, die sich diesem Dienst widmen, nur danken und sie weiter ermutigen. Freundschaft und dargebotene spirituelle Kräfte des christlichen Glaubens, können beachtenswerte Entwicklungen ermöglichen.

Mögen die betagten Menschen oder die Suchtkranken sowie das ganze familiäre oder pflegende Umfeld in der persönlichen Beziehung zu Christus die Kraft finden, den Glauben und die Hoffnung nicht aufzugeben. Auch die in der Krankenseelsorge tätigen sowie die Krankenbesucher und –besucherinnen mögen aus dieser Beziehung zu Christus Kraft schöpfen: es ist wichtig, die Gute Nachricht des Evangeliums immer wieder neu zu lesen. "Kommt alle zu mir, die ihr euch plagt und schwere Lasten zu tragen habt. Ich werde euch Ruhe verschaffen", sagt uns Jesus (Matt 11,28).

Das vertrauensvolle und beharrliche Gebet schenkt ungeahnte Kräfte und legt eine Entwicklung nahe, die es erlaubt, eine neue Würde zu erlangen, wovon zahlreiche ehemalige Alkoholiker und Drogensüchtige bezeugen können.

Der Monat März ist bei uns traditionsgemäss ein Monat, wo wir die Gesundheitsfragen aufmerksamer verfolgen. Die Bischofskonferenz will deshalb alle ermutigen, die Seligpreisung zu leben: "Ich war krank und ihr habt mich besucht" (Matt 25,36). Die Bischöfe versichern Sie ihrer Unterstützung und ihres Gebetes.

Im Namen der Schweizer Bischofskonferenz,

Joseph Roduit, Abt von Saint-Maurice.