Coronavirus Bioethik

SBK-CES-CVS Schweizer Bischofskonferenz | 27.03.2020

«Mögen unsere Entscheidungen von Hoffnung und nicht von Ängsten geleitet sein»

 

   

Zwei moderne Mythen bröckeln. Zum einen erweist sich die Medizin als nicht allmächtig. Entgegen der Auffassung von Descartes sind wir nicht «Herr und Meister» der Natur. Gewiss sind wir besser gerüstet, um Pandemien zu begrenzen und einige der sie verursachenden Erkrankungen zu behandeln. Die Wirklichkeit verändern wir dadurch jedoch nicht, sie führt uns vielmehr eine wesentliche Wahrheit vor Augen – alles Leben ist fragil, und wir müssen Sorge dazu tragen.

Zum anderen erweist sich die individuelle Selbstbestimmung als Trugbild. Unsere Gesellschaft ist von einer profunden Ambivalenz gekennzeichnet: Einerseits widmen wir unserem Körper, unserer Gesundheit, unserer Leistungsfähigkeit und unserer Langlebigkeit eine enorme Aufmerksamkeit. All dies wird von einem individuellen Standpunkt aus verstanden. Andererseits wird angesichts dieses Ultraliberalismus die Bedeutung des Kollektivs vernachlässigt. Wir vergessen, dass die Handlung eines Menschen Auswirkungen auf andere Menschen hat. Viel mehr noch als der Fragilität des Lebens müssen wir uns heute der Fragilität unserer Werte wie der Solidarität, des Gemeinwohls und der Unterstützung der Schwächsten bewusst werden.

Diese Krise wird auch ihr Gutes haben – wenn es uns gelingt, sie zu nutzen, um Grosses zu bewirken. Die Vergangenheit hat gezeigt, dass am Ende alles von unserer Solidarität, dem Wissensaustausch, dem Geist der Offenheit und der Bereitschaft zur Prävention abhängt. Natürlich werden wir diese Krise nicht schadlos überstehen. Wir werden mit den Narben, die wir davontragen werden, leben müssen. Aber diese Pandemie ist eine gute Gelegenheit, unser soziales Gefüge zu stärken und einen Mentalitätswandel einzuleiten.

Ein Beispiel: Die Quarantäne ist zweifellos für uns alle schwer zu bewältigen. Das Einzige, was wir an dieser Situation ändern können, ist unsere Einstellung. Wir müssen unsere panische Angst überwinden und uns von der Hoffnung leiten lassen. Wir können diese Zeit nutzen, um ein einfacheres Leben zu entdecken, die Vorteile der Langeweile, die Platz für die Fantasie schafft, schätzen zu lernen und wieder Freude an den kleinen Dingen des Lebens zu haben. Wir können die Chance nutzen, mit unseren Kindern zu spielen, uns mit unserem Partner oder Partnerin auszusprechen, wieder aufeinander zuzugehen. Wir könnten uns Gedanken machen, wie wir anderen auch aus der Ferne nah sein können; indem wir Freunde anrufen, vom Balkon aus mit den Nachbarn plaudern …

Die Pandemie wird abklingen. «Sogar die dunkelste Nacht wird enden, und die Sonne wird aufgehen», schrieb Victor Hugo. Die Frage ist nur, ob wir es schaffen, im Interesse des Kollektivs zu handeln, um diese Krise zu begrenzen und dieses so fragile Gefühl der solidarischen Gemeinschaft später aufrechtzuerhalten. Werden wir das Gesundheitspersonal, von je her unsere stillen Helden, unterstützen und für die Volksinitiative für eine starke Pflege stimmen? Werden wir nach der Coronavirus-Krise auch weiterhin für unsere Lieben da sein? Werden wir die überlebenswichtigen Werte des Zusammenlebens weiter verteidigen?

 

Stève Bobillier, wissenschaftlicher Mitarbeiter

 

25. 3. 2020