Foto: Archiv für Zeitgeschichte (ETH Zürich), IB JUNA-Archiv / 853

12.01.2017

Zum Tag des Judentums am 12. März 2017

1947 – 2017: Die Seelisberger Thesen als Magna Charta der jüdisch-christlichen Verständigung

Vor 70 Jahren wurden die Seelisberger Thesen erklärt, und so wurde in der Schweiz der Grundstein für den internationalen Dialog zwischen Judentum und Christentum wie für die Konzilserklärung Nostra Aetate (1965) gelegt.

Von Verena Lenzen, Universität Luzern

Co-Präsidentin der Jüdisch/Römisch-katholischen Gesprächskommission

Vom 30. Juli bis zum 5. August 1947 fand in der Gemeinde Seelisberg, Kanton Uri, die Internationale Konferenz von Christen und Juden statt, auch Dringlichkeitskonferenz gegen Antisemitismus genannt. 65 prominente Vertreter jüdischer und christlicher Organisationen, katholische, protestantische, jüdische Männer und Frauen aus 19 Ländern, nahmen an der International Conference of Christians and Jews in der Schweiz teil und formulierten Zehn Thesen zu einer neuen Verhältnisbestimmung von Christentum und Judentum. Zweck und Ziel der Seelisberg-Konferenz war die Bekämpfung des Antisemitismus, die Überarbeitung der christlichen Lehre und Theologie und die Aufnahme des jüdisch-christlichen Gesprächs.

Die Tagungsteilnehmer prüften, in welchem Grade das Christentum durch die Tradierung antijüdischer Vorurteile eine Verantwortung am Holocaust trage, und sie arbeiteten zehn Punkte aus, die auf den 18 Lehrsätzen zur Vermeidung des Antisemitismus beruhten, die von  dem jüdisch-französischen Historiker Jules Isaac (1877-1963) ausgearbeitet worden waren. 

Die Zehn Thesen von Seelisberg behandeln die Frage, wie das Thema Judentum in der christlichen Theologie und Exegese, Predigt und Katechese vorurteilslos zu behandeln sei. Sie umfassen Grundaussagen zur Gottesvorstellung im Alten und Neuen Testament, zum Jüdischsein Jesu und Marias sowie der ersten Jünger, Apostel und Märtyrer und zur Nächsten- und Gottesliebe in beiden Testamenten und Religionen, und sie kritisieren jede Art von judenfeindlicher Darstellung der Passionsgeschichte.

Die Seelisberger Thesen wurden zum Grundstein der Konzilserklärung Nostra Aetate.

Am 13. Juni 1960 wurde der 83-jährige Isaac von Johannes XXIII. in einer Privataudienz empfangen. Er unterbreitete dem Papst das Anliegen einer neuen christlichen Verhältnisbestimmung zum Judentum und bat ihn um eine offizielle Erklärung, worauf dieser Augustin Kardinal Bea mit der Ausarbeitung eines entsprechenden Konzilsdokuments beauftragte. Am 28. Oktober 1965 wurde die Endvorlage von Nostra Aetate von der Konzilssession mit grosser Mehrheit angenommen und trat damit kirchenrechtlich in Kraft. 

Artikel 4 der Konzilserklärung bringt das Thema, um dessentwillen das Dokument entstand: das Verhältnis von Judentum und Christentum. Der Glaube, die Erwählung und die Berufung der Kirche haben in Israel ihren Ursprung und Anfang. Israel ist die bleibende Wurzel der Kirche aus Juden und Heiden. Alle Christgläubigen sind dem Glauben nach als Kinder Abrahams in die Berufung des Patriarchen eingeschlossen. Die Kirche ist nicht nur durch den Alten Bund und das Alte Testament, sondern auch durch die jüdische Abstammung Jesu, Marias, der Apostel und der meisten der ersten Jünger mit dem jüdischen Volk verbunden. Auf Grund des gemeinsamen geistlichen Erbes ruft das Konzil auf, das brüderliche Gespräch und die gegenseitige Kenntnis und Achtung zu fördern. Entschieden verurteilt die Kirche alle Formen von Rassismus und Antisemitismus. 

So wurde mit der Seelisberger Konferenz 1947 ein Grundstein für ein erneuertes Verhältnis der Römisch-Katholischen Kirche zum Judentum gelegt, und ihre Bedeutung ist auch siebzig Jahre später noch von bleibender Aktualität.

 

Literatur

Vgl. Verena Lenzen: Von Seelisberg nach Rom. Der jüdisch-christliche Dialog in der Schweiz im internationalen Kontext. In: Juden und Christen im Dialog, hrsg. von Birgit Jeggle-Merz und Michael Durst. Theologische Berichte 36. Freiburg Schweiz 2016, 36-53.

Vgl. Christian M. Rutishauser: The 1947 Seelisberg Conference. The Foundation of the Jewish-Christian Dialogue. In: Studies in Christian-Jewish Relations 2,2 (2007), 34–53. Online verfügbar: http://escholarship.bc.edu/scjr/vol2/iss2 [04.12.16].

 

DIE SEELISBERGER THESEN (1947)

1.   Es ist hervorzuheben, dass ein und derselbe Gott durch das Alte und Neue Testament zu uns allen spricht.

2.   Es ist hervorzuheben, dass Jesus von einer jüdischen Mutter aus dem Geschlechte Davids und dem Volke Israel geboren wurde, und dass seine ewige Liebe und Vergebung sein eigenes Volk und die ganze Welt umfasst.

3.   Es ist hervorzuheben, dass die ersten Jünger, die Apostel und die ersten Märtyrer Juden waren.

4.  Es ist hervorzuheben, dass das grösste Gebot für die Christenheit, die Liebe zu Gott und zum Nächsten, schon im Alten Testament verkündigt, von Jesus bestätigt, für beide, Christen und Juden, gleich bindend ist, und zwar in allen menschlichen Beziehungen und ohne jede Ausnahme.

5.   Es ist zu vermeiden, dass das biblische und nachbiblische Judentum herabgesetzt wird, um dadurch das Christentum zu erhöhen.

6.   Es ist zu vermeiden, dass Wort „Juden“ in der ausschliesslichen Bedeutung „Feinde Jesu“ zu gebrauchen, oder auch die Worte „die Feinde Jesu“, um damit das ganze jüdische Volk zu bezeichnen.

7.   Es ist zu vermeiden, die Passionsgeschichte so darzustellen, als ob alle Juden oder die Juden allein mit dem Odium der Tötung Jesu belastet seien. Tatsächlich waren nicht alle Juden, welche den Tod Jesu gefordert haben. Nicht die Juden alleine sind dafür verantwortlich, denn das Kreuz, das uns alle rettet, offenbart uns, dass Christus für unser aller Sünden gestorben ist. Es ist allen christlichen Eltern und Lehrern die schwere Verantwortung vor Augen zu stellen, die sie übernehmen, wenn sie die Passionsgeschichte in einer oberflächlichen Art darstellen. Dadurch laufen sie Gefahr, eine Abneigung in das Bewusstsein ihrer Kinder oder Zuhörer zu pflanzen, sei es gewollt oder ungewollt. Aus psychologischen Gründen kann in einem einfachen Gemüt, das durch leidenschaftliche Liebe und Mitgefühl zum gekreuzigten Erlöser bewegt wird, der natürliche Abscheu gegen die Verfolger Jesu sich leicht in einen unterschiedslosen Hass gegen alle Juden aller Zeiten, auch gegen diejenigen unserer Zeit, verwandeln.

8.   Es ist zu vermeiden, dass die Verfluchung in der Heiligen Schrift oder das Geschrei einer rasenden Volksmenge: „Sein Blut komme über uns und unsere Kinder“ behandelt wird, ohne daran zu erinnern, dass dieser Schrei die Worte unseres Herrn nicht aufzuwiegen vermag: „Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun“, Worte, die unendlich mehr Gewicht haben.

9.   Es ist zu vermeiden, dass der gottlosen Meinung Vorschub geleistet wird, wonach das jüdische Volk verworfen, verflucht und für ein ständiges Leiden bestimmt sei.

10. Es ist zu vermeiden, die Tatsache unerwähnt zu lassen, dass die ersten Mitglieder der Kirche Juden waren.

 

Quelle:

SBK; SEK; SIG (Hgg.): 60 Jahre Seelisberger Thesen. Der Grundstein jüdisch-christlicher Begegnung ist gelegt! Bern/Fribourg/Zürich 2007, 54–56. Online-Version: http://www.kirchenbund.ch/sites/default /files/publikationen/pdf/Seelisberger-Thesen.pdf [28.11.16].

 

GEMEINSAME ERKLÄRUNG ZUR BEDEUTUNG JÜDISCH-CHRISTLICHER ZUSAMMENARBEIT HEUTE (2007)

Anlässlich des 60-Jahr-Jubiläums der internationalen “Dringlichkeitskonferenz gegen den Antisemitismus“ von 1947 auf dem Seelisberg blicken wir auf eine erfolgreiche Pionierphase der jüdisch-christlichen Zusammenarbeit in der Schweiz zurück. Das Verhältnis der evangelisch-reformierten und römisch-katholischen Kirche gegenüber dem Judentum ist grundlegend verändert worden, von einem Verhältnis der Gleichgültigkeit und des Misstrauens oder gar der Feindschaft hin zu einem Nebeneinander und geschwisterlichen Miteinander. Durch unterschiedlichste Initiativen im religiösen, pädagogischen, sozialen und politischen Bereich sind Antijudaismus und der Antisemitismus in unserem Land wesentlich zurückgedrängt worden.

Gleichzeitig zeigen sich im gegenwärtigen gesamtgesellschaftlichen Umbruch hin zu einer immer pluralistischeren und komplexeren Gesellschaft regressive und reaktionäre Gegenkräfte.

 

Daher verpflichten sich die Unterzeichner auch in Zukunft,

• jeder Diskriminierung aufgrund von ethnischer Zugehörigkeit oder Glaubensüberzeugung entgegenzutreten.

• an der sensiblen Beziehung zwischen den jüdischen Gemeinden und den christlichen Kirchen unablässig zu arbeiten.

• die gegenseitige Verständigung und den theologischen Dialog zu suchen und weiterzuführen.

• aus der je eigenen, religiösen Tradition das Beste für ein Leben in Gerechtigkeit und Frieden in die schweizerische Gesellschaft einzubringen.

 

Wir rufen alle Angehörigen unserer Kirchen und Glaubensgemeinschaften auf, ihre Verantwortung in diesem Sinne in Gemeinde und Öffentlichkeit wahrzunehmen und eigene Initiativen zu ergreifen. Darüber hinaus bitten wir alle Exponenten der Politik, Wirtschaft und Gesellschaft, aber auch jeden Bürger und jede Bürgerin, diese Zielsetzungen aktiv mitzutragen. Juden und Christen in unserem Land sehen folgende Herausforderungen, die nur mit vereinten Kräften bewältigt werden können:

• Die bleibende Verankerung der Erkenntnisse aus der Aufarbeitung der Schoah im Bewusstsein aller Bürgerinnen und Bürger.

• Eine sachliche und konstruktive Reaktion auf die Ereignisse im Nahen Osten, besonders in Israel/Palästina.

• Die Integration der unter uns wohnenden Muslime in unsere Gesellschaft.

• Eine öffentliche und politische Präsenz der Religionen zum Gemeinwohl der ganzen Bevölkerung.

• Die tatkräftige Hilfe angesichts neuer sozialer Ungerechtigkeiten.

• Das Vorantreiben konkreter Massnahmen zum Schutz der anvertrauten Erde und zur Bewahrung der Schöpfung.

 

Gemeinsam möchten wir alle Mitbürgerinnen und Mitbürger zur Mitarbeit auf den unterschiedlichsten Ebenen anregen. Wir vertrauen und hoffen darauf, dass Gott, gepriesen sei sein Name, sie fruchtbar werden lässt.

 

Prof. Alfred Donath, Schweizerischer Israelitischer Gemeindebund (SIG)

Bischof Kurt Koch, Schweizer Bischofskonferenz (SBK)

Pfarrer Thomas Wipf, Schweizerischer Evangelischer Kirchenbund (SEK)

 

Quelle:

SBK; SEK; SIG (Hgg.): 60 Jahre Seelisberger Thesen. Der Grundstein jüdisch-christlicher Begegnung ist gelegt! Bern/Fribourg/Zürich 2007, 4f. Online-Version: http://www.kirchenbund.ch/sites/default/ files/publikationen/pdf/Seelisberger-Thesen.pdf [28.11.16].