Melilla (Photo:CC/Stéphane M. Grueso)

10.06.2015

Aufruf der Kirchen und Religionsgemeinschaften zum Flüchtlingssonntag und Flüchtlingssabbat vom 20./21. Juni 2015

Als vor 25 Jahren die Berliner Mauer fiel und, als unmittelbare Folge davon, die politischen Regime des Ostblocks nacheinander zusammenbrachen, sahen Viele darin den endgültigen Beweis, dass Systeme der Unterdrückung, der Ausbeutung und der Abschottung keinen Bestand haben und dass das Gute siegt. Die emotionalen Bilder aus Berlin, die damals um die Welt gingen, zeigten, wie sich fremde Menschen umarmten, gemeinsam sangen und tanzten – vor und auf der Mauer. Dieses historische Ereignis feierte man nicht zuletzt auch als den grossen Sieg für das Menschenrecht auf Auswanderungs- und Reisefreiheit.

Heute, 25 Jahre danach, vernehmen wir deutliche Stimmen, die darauf hinweisen, die Welt seit dem Mauerfall sei zwar freier geworden, aber immer noch ungerecht und vor allem unsicherer. Die vielschichtigen Formen der weltweit herrschenden sozialen Ungerechtigkeit und Unterdrückung und der unbändige Drang der Menschen, diesen Verhältnissen zu entfliehen und bei uns Zuflucht zu finden, verdichten sich heute in den Stichworten wie „Lampedusa“, „Stacheldrahtzaun von Melilla“ und „das Massengrab Mittelmeer“.

Als Erben des jüdisch-christlichen Menschenbildes müssen uns die Belange der Menschen auf der Flucht ein Auftrag sein. Schon die Menschen in der biblischen Zeit waren auf der Flucht – vor politischen Machthabern, vor Hungersnöten und vor konkreter persönlicher Verfolgung. Eines war ihnen allen gemeinsam: der Aufbruch ins Ungewisse und die Angst davor.

Die Bibel überliefert uns zahlreiche Flüchtlingsschicksale. Sie verbindet diese mit der Aufforderung, fremde Menschen nicht zu unterdrücken, sondern ihnen Rechte einzuräumen. Die biblischen Flüchtlings- und Wanderungsschicksale bekommen darüber hinaus sogar eine göttliche Dimension: Gott liebt die Fremden und gibt ihnen Nahrung und Kleidung (Dtn 10,18).

Flüchtlingsströme lösen Ängste aus – Angst vor dem Fremden, Angst um die eigene soziale und politische Sicherheit. Diese Ängste sind verständlich. Die Welt rückt zwar im Zuge der wirtschaftlichen Globalisierung und des technischen Fortschritts näher zusammen, sie ist jedoch zugleich gespaltener denn je.

Vor diesem Hintergrund ruft uns der diesjährige Flüchtlingssonntag bzw. Flüchtlingssabbat dazu auf, unser Verhältnis zur Flucht und Migration nicht bloss in einer Selektion entlang wirtschaftlicher Interessen aufgehen zu lassen. Wir werden aufgerufen, mit Fremden eine Beziehungsgemeinschaft von gegenseitig Lernenden und sich gegenseitig Bereichernden zu wagen.

 

Schweizer Bischofskonferenz
Bischof Markus Büchel

Schweizerischer Evangelischer Kirchenbund
Gottfried Wilhelm Locher, Ratspräsident

Christkatholische Kirche der Schweiz
Bischof Dr. Harald Rein

Schweizerischer Israelitischer Gemeindebund
Dr. Herbert Winter