11.12.2006

Religionsfreiheit und interreligiöser Dialog

Verlautbarung der drei Landeskirchen zum internationalen Menschenrechtstag am 10. Dezember 2006

Liebe Schwestern und Brüder

In unserer Gesellschaft leben Menschen verschiedener Konfession und Religion miteinander.Die aktuellen Diskussionen etwa um öffentlich sichtbare Symbole der Religionen, das Tragen eines Kopftuchs während des Schulunterrichts oder die Teilnahme am obligatorischen Schwimmunterricht zeigen allerdings, wie schwierig das Miteinander sich im Alltag gestalten kann. Wir begegnen Menschen mit einem anderen Glauben, die sich mit der gleichen Ernsthaftigkeit an anderen Normen und Werten orientieren. Wie können Menschen zusammenleben, die unterschiedliche Dinge für wahr und richtig halten und manches tun, was den jeweils anderen unverständlich und fremd ist?

Die Frage religiöser Toleranz ist alt und bildet einen Meilenstein in der Entwicklung der neuzeitlichen Menschenrechte. Das in der UNOMenschenrechtsdeklaration verbriefte Recht auf Religionsfreiheit betont den unveräusserlichen Rechtsanspruch jeder Person, ihre religiösen Überzeugungen zu leben. Das Recht auf freie Religionsausübung umfasst die persönliche Glaubens und Gewissensfreiheit genauso wie die gemeinschaftliche Praxis und das öffentliche Bekenntnis. Religionsfreiheit meint zuallererst die positive Freiheit zur Religion, die jene negative Freiheit von der Religion einschliesst.

Die drei Landeskirchen anerkennen um der Religionsfreiheit willen die Berechtigung anderer Religionen, in der Gesellschaft öffentlich präsent zu sein. Sie treten für umfassende Religionsfreiheit ein – in der Schweiz und weltweit. Sie sind sich dabei durchaus bewusst, dass in vielen Regionen dieser Welt – selbst in Europa – Christinnen und Christen schweren Diskriminierungen und Verfolgungen ausgesetzt sind. Das Menschenrecht auf freie Religionsausübung wird ihnen verwehrt. Sie werden um ihres Glaubens willen stigmatisiert. Sie werden daran gehindert, sich öffentlich zu versammeln, Versammlungsräume zu erwerben und zu besitzen. In konservativen islamischen Gesellschaften sind Menschen, die sich zum Christentum bekehren, von Gewalt und Tod bedroht. Manche beurteilen deshalb den Einsatz der Landeskirchen für Religionsfreiheit in der Schweiz ablehnend. Darauf antworten die Kirchen: Zur unbedingten Geltung der Menschenrechte und des Rechts auf Religionsfreiheit auf der ganzen Welt gibt es aus christlicher Sicht keine Alternative! Das Eintreten für die diskriminierten und bedrohten Schwestern und Brüder in anderen Ländern, wie für alle wegen ihres Glaubens Verfolgten, muss sich an der eigenen Fähigkeit und Bereitschaft messen lassen, Andersgläubige im eigenen Land anzuerkennen und ihnen respektvoll zu begegnen. Es darf keine Symmetrie des Unrechts geben, denn die Missachtung der unveräusserlichen Würde des Menschen an einem Ort der Welt rechtfertigt niemals das gleiche Unrecht an einem anderen Ort. Religionsfreiheit ist ein zentrales und hohes Gut! Wer Menschen an der freien Ausübung ihrer Religion hindert, nimmt ihnen ihre Freiheit, den Sinn des Lebens selbst zu erkennen und ihr Leben danach zu gestalten. Religionsfreiheit ist damit unbedingte Voraussetzung für jede Gesellschaft, die auf dem Respekt vor der Menschenwürde aufbaut. Schutz und Garantie der Freiheit des Gewissens und des Glaubens bilden das Fundament, auf dem allein ein friedliches Zusammenleben zwischen den Religionen gelingen kann.

Gerade in einer Zeit, die nicht frei ist von Ressentiments gegen Gläubige anderer Religionen, haben Christinnen und Christen Andersgläubige als ihre Nächsten zu erkennen. Die Freiheit, zu der uns Christus befreit hat, «weckt die Verantwortung für das Recht des anderen», wie die Vollversammlung des Ökumenischen Rates der Kirchen 1961 formuliert hat. Der Dialog mit anderen Religionen ergibt sich aus der Anerkennung des Rechts auf Religionsfreiheit. Dialog setzt wechselseitige Achtung voraus. Ernsthafte Anerkennung verlangt den gelebten Dialog. Die Konferenz der Europäischen Kirchen KEK und der Rat Europäischer Bischofskonferenzen CCEE verpflichten sich in der auch von den drei Landeskirchen der Schweiz unterzeichneten «Charta Oecumenica», «die Rechte von Minderheiten zu verteidigen und zu helfen, Missverständnisse und Vorurteile zwischen Mehrheits und Minderheitskirchen in unseren Ländern abzubauen.» Weiter treten die Kirchen – auch im Gespräch mit den Bundesbehörden – dafür ein, dass Menschen «individuell und gemeinschaftlich, privat oder öffentlich ihre Religion und Weltanschauung im Rahmen des geltenden Rechts praktizieren dürfen.» (Art. 4 und 12). Das Recht auf Religionsfreiheit stösst freilich dort an Grenzen, wo Religion andere Grundrechte, wie die Meinungs und Pressefreiheit oder die Gleichstellung von Mann und Frau, einschränkt.

Religionsfreiheit zielt nicht nur auf ein beliebiges Nebeneinander verschiedener Religionen. Vielmehr hat sie sich im konkreten Zusammenleben der Gläubigen zu bewähren. Der Wert des interreligiösen Dialogs besteht in wechselseitigem Respekt und gegenseitiger Achtung gerade gegenüber den Überzeugungen, die nicht geteilt werden können. Die Landeskirchen fordern entschieden die Anerkennung, Einhaltung und Garantie des Rechts auf freie Religionsausübung nach geltenden rechtsstaatlichen Grundsätzen, für jeden Menschen, für jede Religion, in jedem Land.

Wir wünschen Ihnen, liebe Mitchristen, Ihren Gemeinden und Familien eine gesegnete Advents und Weihnachtszeit!

www.kath.ch/sbk-ces-cvs/pdf/lettreliberte_d.pdf

Schweizerischer Evangelischer Kirchenbund, Pfarrer Thomas Wipf, Präsident des Rates
Christkatholische Kirche der Schweiz, Bischof FritzRené Müller
Schweizer Bischofskonferenz, Bischof Amédée Grab, Präsident