Aufruf der Schweizer Bischöfe

SBK-CES-CVS Schweizer Bischofskonferenz | Mediencommuniqué | 11.10.2012

Aufruf der Schweizer Bischöfe

50-Jahr-Jubiläum der Eröffnung des Zweiten Vatikanischen Konzils

Auf Einladung der Schweizer Bischöfe haben sich am Donnerstag, 11. Oktober 2012 in Bern über 200 Delegierte aus den Diözesen und Gäste der Schweizer Bischofskonferenz sowie zahlreiche weitere Gläubige versammelt. Sie gedachten der Eröffnung des Zweiten Vatikanischen Konzils, einem Ereignis vor 50 Jahren, das für Gegenwart und Zukunft der Kirche von entscheidender Bedeutung geworden ist. Während des Gottesdienstes in der Dreifaltigkeits-Basilika übergaben die Bischöfe den Gläubigen einen Aufruf aus Anlass des Beginns des auf drei Jahre angelegten Jubiläums. Hier der Wortlaut des Aufrufs:

Downloads

Aufruf der Schweizer Bischöfe (214.94 kB)


Aufruf der Schweizer Bischöfe zum Beginn des Jubiläums "50 Jahre Zweites Vatikanisches Konzil" (2012-2015)

1. Die Überraschung

Es war eine grosse Überraschung, als der betagte Papst Johannes XXIII. (1881–1963) am 25. Januar 1959 ein Ökumenisches Konzil ankündigte, das der Erneuerung der Kirche und der Einheit aller Christen dienen sollte.

Nicht weniger überraschend waren seine Worte bei der Eröffnung des Konzils am 11. Oktober 1962: Er könne den Pessimismus mancher Frommen nicht teilen, die behaupten, dass sich alles nur zum Schlechten und zum Untergang hinwende. Vielmehr gelte es, den traditionellen Glauben so zu verkünden, dass er auch von modernen Menschen angenommen werden könne. In der Kirche solle mehr die Barmherzigkeit Gottes als seine Strenge wahrgenommen werden. Das Programm sei „Aggiornamento“ – eine Aktualisierung des Glaubens und seiner Darlegung in der Kirche.

Über 2500 Bischöfe aus aller Welt haben sich in vier Sessionen zu je zwei Monaten jeweils im Herbst der Jahre 1962–1965 im Vatikan versammelt. Sie haben sich den aktuellen Problemen der traditionsreichen katholischen Kirche zugewandt. Im Mittelalter war sie eine dominierende Grösse. Doch im 16. Jahrhundert hat sie eine grosse Spaltung durch die Reformation erlitten. Im 18. und 19. Jahrhundert wurde sie durch die Aufklärung und die Französische Revolution bedrängt. Auf diese Krisen hat die Kirche schon mit dem Konzil von Trient (1545–1563) und dem Ersten Vatikanischen Konzil (1870) reagiert. Durch die Reformen, welche durch diese Konzile ausgelöst wurden, kam die katholische Kirche jedoch auch in eine Haltung der Verteidigung und des Misstrauens gegenüber den epochalen Erneuerungen. Während des Ersten Vatikanischen Konzils (1870) musste Papst Pius IX. auf seine weltliche Herrschaft zugunsten seines geistlichen Führungsauftrages verzichten. Das 19. und 20. Jahrhundert brachten neue und grosse Herausforderungen. In dieser Zeit wurden mehr Erfindungen gemacht als in allen vorhergehenden Jahrhunderten zusammen. Dank der Erfindung der Dampfmaschinen, der Benzinmotoren und der Nutzbarmachung der Elektrizität ermöglichten Schiffe, Eisenbahnen, Autos und Flugzeuge viel mehr Reisen und Transporte um die ganze Welt. Durch die Erfindung der Fotografie, des Radios, des Telefons und des Fernsehens entstand eine weltweite Kommunikation. Viele Völker, Kulturen und Religionen begegneten sich. Dazu kamen grosse Kriege wie noch nie: Weltkriege! Es kam zur schrecklichen Ermordung von 6 Millionen Juden. Mit der Erfindung der Atombombe bekam die Menschheit die Möglichkeit, sich selber zu zerstören. In den Kriegen des 20. Jahrhunderts sowie in den Diktaturen des Nationalsozialismus und des Kommunismus verloren nicht weniger als 100 Millionen Menschen ihr Leben. Es entstand eine zwiespältige Stimmung: Der Mensch wurde mit all seinen Erfindungen und technischen Errungenschaften immer mächtiger – so mächtig, dass manche meinten, sie bräuchten keinen Gott, keine Religion und keine Kirche mehr. Andererseits erlebten die Menschen auch ihre Grenzen und die Gefahr der Sinnlosigkeit. Mit Schrecken stellten sie fest, zu welcher Zerstörung sie fähig sind. In dieser Situation lud Papst Johannes XXIII. mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil alle ein, über das Christsein für heute nachzudenken.

2. Die wichtigsten Erkenntnisse des Zweiten Vatikanischen Konzils

In vier Sessionen zu je zwei Monaten haben über 2500 Bischöfe, dazu auch Theologen sowie Berater aus anderen christlichen Konfessionen, viele Fragen behandelt, welche in der Kirche schon durch die neuen Erkenntnisse der Theologie, durch biblische, liturgische, ökumenische, missionarische und soziale Erneuerungsbewegungen vorbereitet worden waren. Das Konzil hat vier grosse Konstitutionen über die Liturgie, die Kirche, die göttliche Offenbarung und die Kirche in der Welt von heute verfasst. Dazu hat es auch wegweisende Texte über die sozialen Kommunikationsmittel, die Ökumene, die Ostkirchen, die nichtchristlichen Religionen, die Religionsfreiheit, die Hirtenaufgabe der Bischöfe, das Leben und die Ausbildung der Priester, das Laienapostolat, die christliche Erziehung und das Ordensleben verfasst. All diese Konzilstexte verdienen es, heute nach 50 Jahren wieder gelesen zu werden. Sie erinnern uns daran, was der Kirche damals bewusst wurde.

Hier soll – natürlich unvollständig – an einige wichtige Punkte erinnert werden:

  • Die Liturgie soll so erneuert werden, dass das Wort Gottes reichlicher und besser verkündet wird. Die Liturgien sollen einfacher und auch in der Landessprache mit grösserer Beteiligung aller gefeiert werden.
  • Die Kirche soll vermehrt als Volk Gottes erlebt werden, in dem Christus den Menschen erlösend begegnet. Er will alle Menschen mit Gott und untereinander verbinden. Alle sind von Gott zur Heiligkeit berufen. Wegen der gemeinsamen Berufung sind die Geweihten nicht die Herren, sondern die Diener des Volkes Gottes, in dem eine lebendigere Gemeinschaft und Kollegialität entstehen soll.
  • Die Offenbarung Gottes geschieht nicht nur in der Schöpfung und durch Worte, sondern vor allem in der Person Jesus Christus. Von ihm geben viele Menschen ihre Zeugnisse, von denen die wichtigsten in der Heiligen Schrift gesammelt wurden.
  • Die Kirche öffnet sich der Welt von heute. Dabei will sie sich nicht der Welt angleichen, jedoch überall mit der erlösenden Botschaft Jesu Christi präsent sein.
  • Die Kirche schätzt alles Gute und Grosse in den nichtchristlichen Religionen. Sie darf ihnen Jesus Christus verkünden, der als wahrer Mensch und Gott alle Menschen liebt und erlöst. Dabei muss die Freiheit jedes Menschen geachtet werden. Niemandem darf eine Religion aufgezwungen werden.
  • Besonders nahe müssen wir Christen den Juden sein, die unsere älteren Geschwister sind und uns die Hoffnung auf den erlösenden Messias geschenkt haben.
  • Das Dekret zur Ökumene erklärt die Suche nach Einheit aller Christen in der einen sichtbaren Kirche zur Aufgabe jedes Christen. Dazu sind Umkehr, Gespräche und das Gebet notwendig, da wir diese Einheit letztlich nicht selber herstellen können, sondern als Geschenk von Gott empfangen dürfen.
  • Die Taufe begründet das gemeinsame Priestertum aller Christen. Zwischen den geweihten Priestern und den Laien gibt es keinen Unterschied des Grades, sondern des Wesens, weil die Geweihten in besonderer Weise allen Menschen den Erlöser Jesus Christus nahe bringen.

Damit sind nur einige Stichworte genannt, die nicht den ganzen Reichtum und die Kraft der Konzilstexte ausdrücken können. Ihre Lektüre und ihr Studium wird allen erneut empfohlen.

3. Einladung zur neuen Auseinandersetzung mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil

In den 50 Jahren seit dem Konzil stand die Zeit nicht still. Nach einer anfänglichen Euphorie ist naturgemäss eine Ernüchterung eingetreten. Dennoch muss die Auseinandersetzung mit den Herausforderungen unserer Zeit weitergehen. Wir leben in einer Zeit des Umbruchs. Immer müssen wir uns fragen: Was ist vom Reichtum der christlichen Überlieferung heute noch wichtig, wohltuend und erlösend? Was müsste heute besonders entfaltet und bedacht werden?

Im Geiste des Zweiten Vatikanischen Konzils müssen wir uns fragen: Wie leben die heutigen Christen das gemeinsame Priestertum aller Getauften? Lebt heute jeder getaufte Mann und jede getaufte Frau in einer lebendigen Gemeinschaft mit Jesus Christus, der wie der Hohepriester die Menschen mit Gott und den Mitmenschen versöhnt hat? Ist jeder Christ immer lebendig mit Christus verbunden im Hören auf sein Wort, im lebendigen Austausch des Gebetes und im Bemühen, ihn in uns leben zu lassen in unserer Liebe zu allen Menschen? Sind wir wirklich priesterliche Menschen? Müsste nicht jeder Christ in unserer gottvergessenen, säkularisierten Welt ganz bewusst ein priesterlicher Mensch sein, indem er auch selbstverständlich und regelmässig betet zu Beginn jedes neuen Tages, vor jedem Essen und vor jedem Genuss der Gaben Gottes? Müsste er nicht auch priesterlich sein in seinem solidarischen Einsatz für die Mitmenschen und die Schöpfung Gottes? Es geht bei diesem Konzilsjubiläum nicht um immer Neues, sondern um ein Innehalten, damit wir wichtige Schätze unseres christlichen Glaubens neu beleben, ohne in eine falsche Richtung davonzuspringen. Wir dürfen und können allerdings auch nicht in die Zeit vor dem Konzil zurückgehen.

4. Einladung zur Neuentdeckung unseres christlichen Glaubens

An diesem 11. Oktober 2012, also genau 50 Jahre nach der Eröffnung des Zweiten Vatikanischen Konzils, kommen in Rom 300 Bischöfe aus der ganzen Welt mit Papst Benedikt XVI. im Rahmen der XIII. Ordentlichen Bischofssynode zusammen, die vom 7. bis 28. Oktober 2012 dauert, um über die Neuevangelisierung zu beraten. Dabei beschäftigen sie sich mit der Tatsache, dass viele Katholiken zwar die Taufe, die Erstkommunion und die Firmung empfangen haben, jedoch häufig nicht in einer persönlichen Beziehung mit Jesus Christus leben. Sie nennen sich zwar Christen, hören aber selten die Worte Christi und nehmen auch nicht regelmässig an seinem Gastmahl der Liebe, an der sonntäglichen Messfeier, teil. Oft sind sie der Gemeinschaft seines Leibes, der Kirche entfremdet. Solche Christen sind zwar „sakramentalisiert“, doch sie müssen neu „evangelisiert“ werden, damit sie in einer lebendigen Beziehung zu Christus leben, beten und lieben. Bei dieser Neuevangelisierung oder Verlebendigung des Christseins kann und muss jeder Christ mitwirken, auch in seiner Familie, im Freundes- und Bekanntenkreis. Das kann bei einem einfachen Gespräch beginnen, etwa wenn wir feststellen, wie viele um uns den Sinn der christlichen Feste nicht mehr kennen. Alle geniessen zwar das Oster- oder das Pfingstfest, doch sie kennen weniger den christlichen Sinn dieser Feste.

Im Rahmen der Neuevangelisierung muss sich auch die ganze Kirche neu besinnen, ob wir im Geiste Jesu Christi und seines Evangeliums leben. Leben wir in unserer Kirche genügend im Geist der Liebe und Barmherzigkeit Christi oder ist in der Kirche eine zu starke Strenge zu spüren? Diese Frage hat Papst Johannes XXIII. schon vor 50 Jahren gestellt.

Die Schweizer Bischöfe laden nun alle zum Konzilsjubiläum (11.10.2012 – 8.12.2015) ein unter dem Leitwort „den Glauben entdecken“. Damit nehmen sie das Anliegen des „Jahres des Glaubens“ auf, zu dem uns Papst Benedikt XVI. einlädt.

Das erste Jahr (2012-2013) stellen wir unter das Motto „den Glauben feiern“, um vor allem die Konzilskonstitution über die Liturgie neu zu betrachten.

„Im Glauben verbunden“ können wir im Jahr 2014 die Konstitutionen über die Kirche und die Göttliche Offenbarung, aber auch die Dekrete über die nichtchristlichen Religionen, die Ökumene und weitere kirchliche Themen studieren.

Im letzten Jahr des Konzilsjubiläums, 2015, können wir uns mit dem Motto „im Glauben gesandt“ der Konzilskonstitution „Über die Kirche in der Welt von heute“ zuwenden.

Das sind einige Anregungen, wie wir das Konzilsjubiläum (2012–2015) leben und in unseren Pfarreien und Gemeinschaften begehen können. Dazu werden im Internet (www.vaticanum2.ch auf Deutsch; www.vatican2.ch auf Französisch; www.vaticano2.ch auf Italienisch) Anregungen und Informationen veröffentlicht, die in freier Weise übernommen werden können.

Ein grosses Erlebnis beim Konzil war, dass die Bischöfe und viele Gläubige intensiv miteinander über ihren Glauben geredet haben. Es wäre schön, wenn diese Jubiläumsjahre zu neuen Gesprächen über Gott und unsere Fragen anregen könnten. Dabei ist jeder und jede von uns gefragt. Auf jeden und jede kommt es an, ob der christliche Glaube auch heute lebendig wird, ob Gott auch heute die Ehre und den Dank erhält, die er verdient. Auf jeden und jede kommt es an, ob Jesus Christus auch in unserer Zeit und in der Zukunft in dieser Welt leben und lieben kann, auch bei den Ärmsten und Übersehenen.

Die Schweizer Bischöfe