Am 15. Mai, dem 135. Jahrestag der Enzyklika Rerum Novarum, unterzeichnete Papst Leo XIV. seine erste Enzyklika mit dem Titel Magnifica Humanitas, die sich dem Schutz der menschlichen Person im Zeitalter der künstlichen Intelligenz widmet. Veröffentlicht wurde sie am heutigen Pfingstmontag, dem 25. Mai 2026.
Bemerkenswert ist zunächst die Wahl dieses Datums: Es fällt auf den Jahrestag der bedeutenden Enzyklika von Papst Leo XIII., dessen Namen der heutige Papst angenommen hat. Während Rerum Novarum die soziale Gerechtigkeit in den Mittelpunkt stellte, betrachtet Magnifica Humanitas die künstliche Intelligenz aus einer sozialen Perspektive. Technik darf demnach nicht allein nach ihrer Effizienz beurteilt werden, sondern ebenso nach der menschlichen, sozialen und spirituellen Qualität der Beziehungen, die sie fördert oder beeinträchtigt.
Als Vorläufer und Inspiration für diese erste Enzyklika von Papst Leo XIV. kann die Botschaft von Papst Franziskus zum Weltfriedenstag 2024 mit dem Titel „Künstliche Intelligenz und Frieden“ gelten. Diese Botschaft stellt einen Zusammenhang her zwischen der menschlichen Intelligenz und ihren Auswirkungen, insbesondere in Technologie und Wissenschaft:
«Die Intelligenz ist Ausdruck der Würde, die uns der Schöpfer verliehen hat, der uns nach seinem Bild und Gleichnis geschaffen hat (vgl. Gen 1,26) und uns befähigt hat, auf seine Liebe frei und bewusst zu antworten. Wissenschaft und Technik verdeutlichen in besonderer Weise eine solche grundlegend relationale Beschaffenheit der menschlichen Intelligenz: Sie sind außergewöhnliche Ergebnisse ihres schöpferischen Potentials.»
Ein wesentlicher Unterschied wird dabei deutlich: Die menschliche Intelligenz befähigt zur Liebe und schliesst Freiheit ein – Eigenschaften, die der KI nicht zugeschrieben werden können. Papst Franziskus hebt somit sowohl die Schönheit dieses Fortschritts als auch die Gefahren hervor, die er für „das Überleben der Menschheit“ mit sich bringen kann. Er verweist auf die Vielfalt der Formen künstlicher Intelligenz, ihre Abhängigkeit von den Zielsetzungen ihrer Entwickler sowie auf Risiken für die menschliche Arbeit, insbesondere durch den Abbau von Arbeitsplätzen.
Zudem besteht die Gefahr, dass zentrale Entscheidungen im Leben von Menschen – etwa bei Anstellungen, bei Inhaftierungen oder im Bereich der Sozialhilfe – ohne hinreichende menschliche Rücksichtnahme getroffen werden. Auch das wachsende Gewicht dieser Technologien in der Informationsvermittlung birgt ein erhebliches Risiko der Desinformation. Gleichzeitig werden Waffen zunehmend autonomer – und per Definition können sie töten.
Ich möchte diesen ersten Gedankengang mit einer persönlichen Erfahrung abschliessen: Auf die Frage „Was würdest du einer leidenden Person sagen?“ antwortet eine künstliche Intelligenz mit einer ausführlichen theoretischen Abhandlung. Ein Mensch hingegen, der einem anderen Menschen gegenübersteht, verfügt über ein Einfühlungsvermögen, das ihn manchmal dazu bewegt, nichts zu sagen – keine Theorie darzulegen, sondern einfach da zu sein.
+Charles Morerod OP
Bischof von Lausanne, Genf und Freiburg
Präsident der Schweizer Bischofskonferenz
