Tag des Judentum 2026

1. März, zweiter Fastensonntag

Die Einheit des Menschengeschlechts und die messianische Hoffnung von Juden und Christen

Botschaft der Jüdisch/Römisch-katholischen Gesprächskommission (JRGK) der Schweizerischen Bischofskonferenz und des Schweizerischen Israelitischen Gemeindebundes

Die Einheit des Menschengeschlechts, die wir heute für selbstverständlich halten, kann als gemeinsames Erbe von Juden und Christen betrachtet werden. Das Zweite Vatikanische Konzil sprach zudem metaphorisch von der Einheit der „Menschheitsfamilie“. Beide Sprechweisen finden wir auch in der philanthropischen Philosophie von Humanismus und Aufklärung, die sich nicht nur auf die biblische, sondern auch auf die stoische Tradition berief.

Denn der römische Philosoph Cicero betrachtete das Menschengeschlecht als eine grosse Familie, zu der alle Menschen gehören. Aufgrund der gemeinsamen Teilhabe an der Vernunft gilt für alle die gleiche Würde. Die unterschiedliche Ausstattung, Leistung, Begabung oder Entscheidung der Menschen hebt die grundlegende und gemeinsame Form der Würde nicht auf.

Der Traum von der universalen Geschwisterlichkeit

Die Rezeption dieser Gedanken, verbunden mit dem Pathos von der Erziehungsfähigkeit des Menschen, führte in der Aufklärung zu einer Konjunktur des Gedankens der Menschheitsfamilie und der universalen Geschwisterlichkeit. Davon zeugt Schillers „Ode an die Freude“ 1805: „Alle Menschen werden Brüder, / Wo dein sanfter Flügel weilt. […] Brüder – überm Sternenzelt / Muss ein lieber Vater wohnen“.

Die Kehrseiten des überschwänglichen Familienpathos liessen aber nicht lange auf sich warten. Denn Voltaires berühmte Parole „Écrasez l’infâme“ wurde von den politischen Religionen der Moderne nach der Französischen Revolution nicht nur als Metapher für die geistige Auseinandersetzung verstanden, sondern auch als Aufruf zur grausamen Verfolgung der Dissidenten oder Andersdenkenden. Im Namen der „Nation“, der „Rasse“ oder der „Klasse“ benahmen sich die „christlichen“ Völker Europas eher wie feindliche Geschwister. Neue Ideologien lösten die Metapher der Menschheitsfamilie in eine Mentalität des „Wir gegen die anderen“ auf.

Christliche Akzente

Das missionierende Christentum hat sein eigenes Konzept oder Narrativ der allgemeinen Menschenwürde und der Einheit des Menschengeschlechts verbreitet. Mit der Betrachtung aller Menschen als „Bild und Gleichnis Gottes“ (Gen 1,26–27; 9,6) ist es dem Judentum gefolgt. Mit der Sicht der „Geburt Jesu“ als Fleischwerdung des Sohnes Gottes, der sich damit „gewissermassen mit jedem Menschen“ geeint hat (so das Konzil in „Gaudium et spes“ 22), hat das Christentum seinen eigenen Akzent gesetzt.

Eine wichtige Bewährungsprobe des biblischen Narrativs kam im Entdeckungszeitalter, als die Europäer in der „Neuen Welt“ mit bisher unbekannten Völkern konfrontiert wurden, die ein hermeneutisches Problem darstellten: Stammten sie auch von Adam ab? Für christliche Missionare war daran kein Zweifel. Aufgrund des Monogenismusdogmas verteidigten sie die Einheit des Menschengeschlechts.

Im Sinne der prophetischen Tradition der Bibel wurde nach dem Recht und der Gerechtigkeit der Eroberungskriege und der Versklavung der Indigenen bereits 1511 gefragt: „Sind sie etwa keine Menschen? Haben sie keine vernunftbegabten Seelen? Seid ihr nicht verpflichtet, sie wie euch selbst zu lieben?“

Bartolomé de Las Casas verband beide Genealogien der Einheit des Menschengeschlechts, als er um die Mitte des 16. Jahrhunderts unter Berufung auf Cicero und die Bibel dieses Manifest festhielt: „Alle Völker der Welt bestehen ja aus Menschen, und für alle Menschen und jeden einzelnen gibt es nur eine Definition, und diese ist, dass sie vernunftbegabte Lebewesen sind; alle haben eigenen Verstand und Willen und Entscheidungsfreiheit, weil sie nach dem Ebenbild Gottes geschaffen sind. […] So gibt es denn ein einziges Menschengeschlecht, und alle Menschen sind, was ihre Schöpfung und die natürlichen Bedingungen betrifft, einander ähnlich.“

Der Auserwählungsgedanke und der Auftrag von Juden und Christen

Aber auch bei der Rezeption des biblischen Narrativs durch Juden und Christen wurde die Einheit des Menschengeschlechts oft verdunkelt, etwa wenn auserwähltes Volk und Völkerwelt, Gläubige und Ungläubige bzw. Heiden gegeneinander ausgespielt werden. Zudem ist die Familienmetapher in der biblischen und christlichen Tradition nicht immer im Sinne der Sprache des Konzils verständlich. Gilt sie nur für die Nachkommen Abrahams, wie die Bibel manchmal zu verstehen gibt? Oder nur für die Menschen, die – den Worten Jesu folgend – an Gott als „Vater“ glauben und sich so als „Kinder Gottes“ verstehen, wie manche christlichen Gruppen denken? Diese Fragen sind in unserer Zeit kaum nachvollziehbar. Denn von der Einheit der Menschheitsfamilie spricht nicht nur das letzte Konzil (oder Papst Franziskus in seiner Enzyklika „Fratelli tutti“ vom 3. Oktober 2020 über die universale Geschwisterlichkeit und die soziale Freundschaft), sondern auch die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte der Vereinten Nationen (10. Dezember 1948). Nicht unbeeinflusst von der Bibel und dem stoisch-aufklärerischen Humanismus betont sie im ersten Artikel die Gleichheit an Würde und Rechten aller Menschen; und sie ermahnt uns, einander „im Geist der Geschwisterlichkeit“ zu begegnen. Die Rede von der Geschwisterlichkeit setzt aber voraus, dass wir bei allen Unterschieden doch eine Menschheitsfamilie bilden.

Der „Auserwählungsgedanke“, Juden und Christen mit je eigener Prägung gemeinsam, sollte dazu dienen, dass das Licht des biblischen Monotheismus in der Welt heller leuchtet. Grund und Zweck der Auserwählung ist das Zeugnis inmitten der Geschichte für die Wahrheit, Grösse und Schönheit des einen Gottes als „Lumen gentium“ oder „Licht der Völker“ (Jes 49,6) und daher auch die Verteidigung der Einheit des Menschengeschlechts bzw. der Menschheitsfamilie.

Wo sind heute die Propheten?

Daran haben immer die Propheten Israels und des Christentums erinnert, wenn Juden und Christen, so Dante in der „Göttlichen Komödie“, in den dunklen Wirren der Geschichte vom „rechten Pfad“ abgekommen waren. Im Namen des einen Gottes hatten Propheten den Mut, dem eigenen Volk bzw. den eigenen Religionsangehörigen die „Leviten“ zu lesen! Es gibt sie auch heute. Aber werden sie denn wirklich gehört?

Die biblischen Propheten sprechen von einer Zeit, die vom Frieden als Werk der Gerechtigkeit, von Wahrheit und Freiheit geprägt sein wird. In dieser Zeit wird der Krieg nicht mehr gelernt (Jes 2,4), sondern man lädt sich unter Weinstock und Feigenbaum gegenseitig ein (Sach 3,10); man wird also die Konvivialität oder das friedliche Zusammenleben geniessen. Tendenziell gilt diese messianische Hoffnung nicht nur für das eigene Volk oder die eigene Religionsgemeinschaft, sondern für die ganze Welt.

Die Flamme der messianischen Hoffnung wachhalten

Gewiss, trotz der Fortschritte beim Zusammenwachsen der Welt sind wir von einer solchen Zeit noch weit entfernt. Denn der Krieg wird (als ungerechter Angriff oder legitime Verteidigung) immer noch gelernt und geführt. Aber Juden und Christen haben – kontrafaktisch – die Flamme dieser messianischen Hoffnung auf das Reich Gottes inmitten der Menschheitsfamilie gemeinsam wachzuhalten. Denn zu ihren Gebetstraditionen gehört unverzichtbar diese brennende Bitte: „Dein Reich komme“… für alle!

Prof. em. Dr. mult. Mariano Delgado, Universität Freiburg
Mitglied der Jüdisch/Römisch-katholischen Gesprächskommission (JRGK)

Bild: © Marc Chagall, Noah und der Regenbogen, 1966 Saint-paul-de-vence, France (https://www.wikiart.org/en/marc-chagall/noah-and-the-rainbow-1966)