Wie jedes Jahr lädt die röm.-kath. Kirche in der Schweiz am 2. Fastensonntag zum «Tag des Judentums» ein. Er soll die Bande zum jüdischen Volk stärken und ins Bewusstsein rufen, wie tief der christliche Glaube mit dem Judentum verbunden ist. Die Liturgie mit ihren Lesungen zu Abraham, zur Hoffnung auf Auferweckung und zu Jesus, der mit Mose und Elija im Gespräch ist, stellen eine einmalige Gelegenheit zu Selbstreflexion und Umkehr dar. (Gen 15,5-12.17-18; Phil 3,17-4,1; Lk 9 28b-36)
Die jüdisch-christlichen Beziehungen sind auch in diesem Jahr weiterhin durch den Krieg und seine Folgen im Nahen Osten überschattet. Er wurde durch das Massaker der Hamas im Staat Israel am 7. Oktober 2023 ausgelöst und hat schon viel zu viele zivile Opfer gekostet. Dazu kommt der offene Antisemitismus seither weltweit, auch in der Schweiz. Die Schweizer Bischofskonferenz (SBK) wie auch der Schweizerische Israelitische Gemeindebund (SIG) verurteilen Terrorismus. Sie fordern die Kriegsparteien auf, das humanitäre Völkerrecht einzuhalten. Aufgabe von Juden und Christen ist es, vor Ort Leid zu lindern und vermittelnd zu helfen und ein Leben in Sicherheit zu unterstützen. Hier in der Schweiz gilt es den Antisemitismus in all seinen Formen zu bekämpfen. Es gilt darüber hinaus dazu beizutragen, die komplexen Verhältnisse mit historischen, gesellschaftlichen, kulturellen und religiösen Hintergründen besser zu verstehen. Vereinfachtes Schwarz-Weiss-Denken und Feindbilder in den Köpfen belasten die Situation zusätzlich. Gerade für religiöse Menschen besteht die Aufgabe darin, verstehen zu lernen, was sich auf einer tieferen Ebene abspielt. Sie fragen auch danach, was Gott durch die Krise allen Menschen sagen will und wie sie darauf reagieren sollen. Daher sollen am «Tag des Judentums» wie auch in der übrigen Fastenzeit Veranstaltungen verschiedenster Art stattfinden, die sich mit der aktuellen Situation auseinandersetzten. Es gilt Zeichen zu setzen, die Zukunft eröffnen.
2025 stellt für die jüdisch-christliche Beziehung ein besonderes Jahr der Erinnerung dar. Über den «Tag des Judentums» hinaus gibt es Gelegenheit, den jüdisch-christlichen Dialog zu pflegen:
- Zum 80. Mal jährt sich am 27. Januar die Befreiung von Auschwitz. Der internationale Gedenktag an die Opfer der Shoa ruft zu Umkehr auf. Dies beutet, sich mit Entschiedenheit gegen Rassismus, für Minderheitenrecht und für die Würde eines jeden Menschen einzusetzen. «Nie wieder!» ist ein Aufruf zu Recht und Gerechtigkeit für alle Menschen unabhängig von Nation, Religion oder Geschlecht. Für die Christen, die über viele Jahrhunderte Juden verachtet und verfolgt haben, gilt es, zu begreifen, dass Antisemitismus eine Sünde wider Gott darstellt.
- Am 19. Juni vor 1700 Jahren formulierten die Kirchen in Ost und West beim Konzil von Nizäa den Hauptteil des Glaubensbekenntnisses, das Christen über alle Konfessionen hinweg bis heute eint. Die Formulierung, dass Jesus Christus «eines Wesens» ist mit Gott und Gott in ihm Mensch geworden ist, trennt Juden und Christen. Vor allem aber hat sich Nizäa auch bewusst gegen das Judentum gewendet: Der Osterfesttermin wurde vom jüdischen Pessachfest gelöst, um nichts mit den Juden gemeinsam zu haben. Zudem verschweigt das Glaubensbekenntnis die Berufung Israels. Die Kirche setzt sich vielmehr an die Stelle der Synagoge in der Heilsgeschichte.
Seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil hat die Kirche ihre Sicht geändert: An die Stelle der Substitution ist die Anerkennung einer doppelten Erwählung getreten. Kirche und Synagoge sind je die legitimen geistigen Erben der Bibel und haben je von Gott eine Berufung erhalten. Beide haben bis heute je eine reiche geistliche Tradition entwickelt. Ihre Schätze gilt es zu entdecken und heute ins gesellschaftliche Leben einzubringen. Dieses erneuerte Verständnis, das besonders von Johannes Paul II. gefördert wurde und 2015 im vatikanischen Dokument «Denn unwiderruflich sind Gnade und Berufung, die Gott gewährt. (Röm 11,29)» entfaltet wurde, muss noch breiter in der Kirche verankert werden. Vatikandokument-50-Jahre-Nostra-aetate.pdf
- Vor 60 Jahren, am 28. Oktober 1965, promulgierte das Zweite Vatikanische Konzil denn auch Nostra aetate. Das Herzstück dieser Erklärung zu den Religionen stellt Nr. 4 dar. Dabei beschreibt die Kirche, wie sie im Judentum wurzelt. Dass Jesus, Maria und die Jünger alles Juden waren, ist heute ein Gemeinplatz. Doch es muss erst noch ausbuchstabiert werden, was dies für das Christsein heute bedeutet. Die besondere Beziehung wird für Christen ganz konkret, wenn sie begreifen, dass der Gott Jesu auch durch das Alte Testament spricht und dass das Neue Testament eine Sammlung von jüdisch-messianischen Schriften ist, die Jesu Leben und Tod im Glauben an den Gott Israel interpretieren. Die Beziehung zum Judentum ist kein Nebenthema des Glaubens, sondern prägt alle Bereiche des Christseins.
Die Jüdisch/Röm.-kath. Gesprächskommission (JRGK) der SBK und des SIG hat schon 2012 eine Handreichung zum «Tag des Judentums» geschaffen. Sie ist zusammen mit dem jährlichen Impulstext auf www.bischoefe.ch zu finden. Auf der Homepage des Liturgischen Instituts der Schweiz www.liturgie.ch werden in der Woche vor dem 2. Fastensonntag auch jedes Jahr Fürbitten für den Gottesdienst formuliert.
Die JRGK will auch zu gemeinsamen Veranstaltungen anregen. Juden und Jüdinnen gehören in der Schweiz wie in allen Ländern der Welt zur jeweiligen Kultur und Gesellschaft. Die Situation im Heiligen Land lässt auch Christen und Christinnen nicht kalt. Alle sind gerufen, sich überall und zu jederzeit, Schulter an Schulter, für die Wiederherstellung einer gerechteren Welt einzusetzen. Der «Tag des Judentums» will ein bescheidenes Zeichen sein, auch gemeinsam Zukunft zu wagen.
Für die Jüdisch/Röm.-Kath. Gesprächskommission (JRGK), Prof. Dr. Christian M. Rutishauser SJ
Jüdisch/Römisch-katholische Gesprächskommission (JRGK): Ein Beitrag zum „Tag des Judentums“ am Zweiten Fastensonntag, 16. März 2025
