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Mitglied der SBK Mitglied der SBK | 03.06.2012

„Wir sind nicht auf Erden, um ein Museum zu hüten, sondern einen blühenden Garten zu pflegen.“

100 Jahre Schweizerischer Katholischer Frauenbund – Fest im KKL Luzern

„Rund 200'000 Frauen tragen im Frauenbund vielfältige und herausfordernde Projekte mit.“ Das kommt der Kirche in unserem Land sehr zugute. Die vielen Frauen haben seit 100 Jahren Unvorstellbares in unserem Land getan, dass die Kirche nicht zum Museum wird, sondern ein blühender Garten bleibt.

Als der Frauenbund das 50-Jahr-Jubiläum feiern konnte – einige hier Anwesende können sich noch daran erinnern -, hat ein kirchliches Ereignis die ganze Welt erstaunt. Der selige Papst Johannes XXIII. eröffnete das Zweite Vatikanische Konzil. Von ihm stammt das Wort: „Wir sind nicht auf Erden, um ein Museum zu hüten, sondern einen blühenden Garten zu pflegen.“

Was im Jahre 1962 in der Kirche aufgebrochen ist, soll im von Papst Benedikt XVI. ausgerufenen Jahr des Glaubens neu entdeckt werden. Wir alle wissen, wie nötig es ist, dass wir diese Lebendigkeit der Kirche wieder finden. Dazu möchte ich ein paar ermutigende Worte mit auf den Weg geben. Ich stütze mich auf Zitate eines der bekanntesten Theologen des 20. Jahrhunderts. Allerdings bin ich mir bewusst, dass er in manchen kirchlichen Kreisen nicht viel bedeutet. Darum lasse ich den Namen vorerst auf der Seite. Sonst könnte ich noch ein Problem bekommen... Wichtiger als wer es gesagt hat, ist, was er als Kenner der Kirche vor dem Zweiten Vatikanischen Konzil und nun als Berater im Konzil sagt. Er hat es in Vorträgen in Rom, in der Schweiz und in Deutschland zu den Menschen getragen.

Bereits sein kurzer Kommentar zum Tod des Papstes, der das Konzil im hohen Alter einberufen hat, wird dem Frauenbund vertraut sein.„Der Tod Johannes XXIII., des gütigen Papstes, der das Konzil gerufen und ihm seine Physiognomie aufgeprägt hatte, die Physiognomie der Freiheit, des gläubigen Optimismus, des Sich-Führen-Lassens durch die göttlichen Anrufe, die dem Hörenden vernehmbar sind – der Tod dieses in seinem menschlichen Kleinseinwollen und -können so grossen Papstes bedeutete für das Konzil einen tiefen Einschnitt“(II,9).

Im Zweiten Vatikanischen Konzil wurde man sich mehr und mehr bewusst, wie die Kirche immer wieder Zeit- und Kulturbedingtes den neuen Umständen anpassen muss, um dem Glauben treu zu bleiben. Unser Theologe bringt das in grosser Sprachgewandtheit auf den Punkt: Die Kirche „muss immer wieder bereit sein, geschichtliche Formen und Verfestigungen abzustreifen, um aus dem, worin sie zu Hause war, sich zu lösen und entgegenzugehen dem Herrn, der sie ruft und auf sie wartet. Wenn solches gesehen wird, wird zugleich das Bild der Kirche menschlicher. Denn dann wird deutlich, dass es nicht nötig ist, sie als eine unantastbare Grösse zu definieren, die man künstlich aus jeder Kritik und jedem Tadel heraushalten muss“ (II,29).

Dabei wurde eine Bereitschaft wichtig, um die wir auch heute bitten wollen, „die Bereitschaft, Formen, die als ‚sakrosankt‘ erklärt sind, in ihrer Menschlichkeit und Zeitbedingtheit zu enthüllen und die positiven Ergebnisse modernen Rechtsdenkens auch in kirchliche Strukturen einzufügen, die nicht selten Formen aus der Zeit des Absolutismus und damit sehr menschliche Formen erhalten haben“ (II,45f.).

Es brauchte Bewegung in der Kirche, denn wo Leben ist, da bewegt sich etwas. Wo sich nichts bewegt, ist kein Leben mehr. Die Tendenz zu Letzterem nahm unser Theologe wahr. Und er hatte den Mut, auf Schwachpunkte hinzuweisen, unter denen auch heute viele Menschen leiden – aber auch die Glaubwürdigkeit der Kirche und damit die ihr anvertraute Botschaft. „Die Theologie schien ihren Spielraum zu verlieren angesichts eines allzu tadellos funktionierenden zentralen Lehramts, das jede Frage präjudizierte, noch ehe sie recht in die Diskussion gekommen war“ (III,24).

Wichtig ist das Miteinander von Lehramt und allen Gläubigen. Unser Theologe macht darauf aufmerksam, wie dies in den ersten Jahrhunderten selbstverständlich zum kirchlichen Glaubensgut gehört. „Dieses ‚Rezipieren‘ war die Form, in der die Gläubigen auf eine durchaus aktive Weise an der Glaubensgesetzgebung mitwirkten, die nicht einseitig in hierarchischen Beschlüssen gesetzt wurde, sondern in einer inneren Durchdringung von handelnder Aktivität der Bischöfe und rezeptiver Aktivität der Kirche wuchs“ (III,58).

Wie dankbar sind wir, dass unser Theologe uns daran erinnert, dass „der Fall, dass oberste Vollgewalt über die Gesamtkirche ausgeübt werden muss, … nicht der Normalfall des kirchlichen Lebens“ (III,80) ist. „Die Ortskirchen sind nicht Verwaltungsstellen eines grossen Apparats, sondern sie sind die lebendigen Zellen, in deren jeder das ganze Lebensgeheimnis des einen Leibes der Kirche anwesend ist“ (III,69). Zu solchem Leben wollte Gott durch das Zweite Vatikanische Konzil die Kirche in unserer Zeit erwecken. Dabei ist klar: Die Konzilstexte sind ein Anfang, nicht das Ende. Das betont auch unser Theologe mit mutigen Aussagen:„Alles, was ein Konzil beschliesst, kann nur ein Anfang sein, der erst durch die Übersetzung in die Wirklichkeit des kirchlichen Alltags seine wahre Bedeutung gewinnt“ (III,82). „Vorsicht mit theologischer Perfektion! Sie führt leicht dazu, dass ein Text der Zukunft nicht genügend Raum lässt. Allgemein ist ein Konzilstext nicht dazu da, den Theologen ihre Arbeit abzunehmen, sondern vielmehr dazu, sie zur Arbeit aufzufordern, neue Horizonte zu eröffnen; vielleicht auch (wo es notwendig erscheint) Markierungen und Grenzziehungen zu geben, die gangbares und ungangbares Gelände scheiden“ (II,59f.). „Dieser geistliche Aufbruch, den der Episkopat in der Öffentlichkeit der Kirche, oder vielmehr: als die eigentliche Öffentlichkeit der Kirche vollzogen hat, ist das grosse und nicht rückgängig zu machende Ereignis des gegenwärtigen Konzils, das in vieler Hinsicht wichtiger ist als die verabschiedeten Texte, die nur einen Teil dessen einfangen können, was an neuem Leben hier in dieser inneren Selbstbegegnung der Kirche erwacht ist“ (III,83).

Das neue Leben, das in der Kirche erwacht ist, bringt unser Theologe mit einem Bild zum Ausdruck, das Johannes XXIII. geprägt hat: „Eins darf man heute schon sagen: Dass das Konzil den Wunsch Johannes‘ XXIII. erfüllt hat, ein Sprung nach vorn zu sein, ein Fenster zu öffnen, durch das frische Luft in die Kirche kommt“ (III,39).

Liebe Festgemeinschaft, was heisst all das für die Bedeutung der Frau in der Kirche? Als ich vor ein paar Jahren einen Artikel über „Geistliche Vaterschaft“ schreiben durfte – für eine Zeitschrift, die von unserem Theologen mitbegründet wurde –, ist mir einiges aufgefallen. [1] Mir ist aufgefallen, dass von der geistlichen Mutterschaft in der Tradition selten und heute kaum mehr die Rede ist. Dies ist verständlich, wenn man bedenkt, dass die Theologenzunft über Jahrhunderte fast ausschliesslich aus Männern zusammengesetzt war. Und doch ist es auch überraschend. Denn im Evangelium ist ausdrücklich von der geistlichen Mutterschaft die Rede, nicht aber von der geistlichen Vaterschaft. „Wer den Willen Gottes erfüllt, der ist für mich Bruder und Schwester und Mutter“ (Mk 3,35). Aus dieser geistlichen Mutterschaft wird deutlich, was geistliche Vaterschaft ist. Es ist nicht eine Frage des Geschlechts, sondern der Christusnachfolge. Bei diesem christozentrischen Ansatz verfällt man nicht einfach den kulturell bedingten patriarchalischen Strukturen und versucht, sie theologisch zu rechtfertigen. Eine Rückbesinnung auf die Bibel und die Tradition kann uns helfen, aus kulturbedingten Verengungen herauszufinden. Dazu hat uns das Zweite Vatikanische Konzil ermutigt. Das hat uns auch unser Theologe in seinem Kommentar zum Konzil überdeutlich gemacht.

Den Namen unseres Theologen habe ich vorerst auf der Seite gelassen, weil ich sonst ein Problem bekommen hätte. Unser Theologe heisst Joseph Ratzinger. [2] Mögen uns seine Anregungen helfen, das Zweite Vatikanische Konzil neu zu entdecken und fruchtbar zu machen für unsere Zeit.

Mit geduldiger Hartnäckigkeit und hartnäckiger Geduld ist Johannes XXIII. in seinem hohen Alter den Weg zur Einberufung des Zweiten Vatikanischen Konzils gegangen und hat das Konzil geprägt mit seinem gläubigen Optimismus. Mit geduldiger Hartnäckigkeit und hartnäckiger Geduld geht auch der Frauenbund seit 100 Jahren seinen Weg. Viele Frauen weben mit gläubigem Optimismus an der Tradition weiter, damit die Kirche in unserem Land lebendig bleibt und nicht zu einem Ballenberg wird.

In grosser Dankbarkeit ziehe ich den Pileolus für all das Grosse, das Frauen, die Sie hier vertreten, für eine lebendige Kirche in den vergangenen 100 Jahren getan haben und heute tun. Vergelt’s Gott!

Luzern, 2. Juni 2012

Abt Martin Werlen

[1] Internationale Katholische Zeitschrift Communio, September/Oktober 2009. 507-514.

[2] II: Joseph Ratzinger, Das Konzil auf dem Weg. Rückblick auf die zweite Sitzungsperiode. Köln 1964. III: Joseph Ratzinger, Ergebnisse und Probleme der dritten Konzilsperiode. Köln 1965.