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Mitglied der SBK Mitglied der SBK | 05.03.2010

Botschaft des Bischofs von Sitten zum Krankentag, 7. März 2010

Zum Nachlesen: Johannes 5, 1-9 und Markus 2, 1-12

„Willst du gesund werden?“ (Joh 5,6)

Wer würde auf diese Frage nicht sofort mit einem hoffnungsvollen Ja antworten! Jesus hat sie auch dem Mann gestellt, den er am Teich Betesda traf. Wir erinnern uns an diese Geschichte. Das Wasser dieses Teiches gerät in regelmässigen Abständen in Bewegung. Der erste Kranke, der dann ins Wasser steigt, wird geheilt. Und da ist dieser Mann: seit 38 Jahren kommt er jeden Tag an den Teich. Er ist aber immer zu spät, weil er kaum gehen kann. Niemand hilft ihm.

Während der vielen Jahre hat er offensichtlich die Geduld, und noch weniger die Hoffnung verloren. 38 Jahre lang! Er ist aber während dieser Zeit einsam geworden: ich habe niemanden! Die Menschen um ihn, vielleicht auch seine Freunde und Verwandten, haben sich von ihm zurückgezogen. Sie sind verunsichert. Sie wissen nicht, wie sie einem Menschen begegnen sollen, der schon so lange krank ist. Worüber sollen sie mit ihm reden, da bei ihm keine Besserung zu erwarten ist? So hat vielleicht schon lange niemand mehr mit ihm ganz persönlich gesprochen. Und so nahm sich auch niemand mehr die Zeit, ihm wirklich zu helfen und ihn zum heilenden Wasser zu bringen.

Jesus sieht sofort die Not dieses Menschen. Er spricht mit ihm: „Willst du gesund werden?“ Natürlich will er es; aber er sagt es nicht sofort, sondern ein wenig verbittert und vorwurfsvoll: „Ich habe niemanden, der mir hilft; und so ist ein anderer immer schneller.“ Jesus jedoch sagt nur zwei Worte: „Steh auf!“ Dieser Zuspruch hat ihm eine so grosse Kraft gegeben, dass er aufstehen und heimgehen kann.

Gibt es nicht auch heute noch manche Menschen, Männer und Frauen, die das Schicksal dieses Mannes teilen? Sie sind auch wegen ihrer Krankheit, wegen ihrer Behinderung, wegen ihrer Altersbeschwerden vereinsamt. Sie haben allmählich den Kontakt mit den Mitmenschen verloren; sie haben sich zurückgezogen; die Mitmenschen zuerst, und dann wohl auch die Verwandten, kamen immer seltener zu Besuch, bis sie schliesslich fast ganz ausblieben.

Sind aber nicht auch diese Mitmenschen oder Verwandten, ja sogar Kinder von Kranken in einem gewissen Sinne einsam? Sie wissen nicht, wie sie sich gegenüber dem kranken Vater oder der kranken Mutter verhalten sollen. Sie leiden zwar auch, vor allem wenn die Krankheit schwer oder sogar unheilbar ist und über Jahre dauert. Sie haben Angst, dass sie durch ein Wort oder ihr Verhalten die Krankheit noch erschweren oder sogar verlängern könnten. So schweigen sie und ziehen sich mit ihrer Unsicherheit und ihren Schwierigkeiten zurück.

Sie, liebe Schwestern und Brüder, waren oder sind vielleicht auch in einer solchen Situation der Einsamkeit. Sie sagen sich vielleicht auch im Stillen: „Ich habe niemand! Ich habe niemanden mehr!“ Sie haben darob zwar weder Ihre Geduld noch Ihre Hoffnung verloren. Der Mann in der Geschichte hat auch 38 Jahre gehofft. Sie denken: „Es wird sicher einmal jemand wieder auch zu mir kommen und mir helfen!“ Und wenn Sie aufmerksam sind, werden Sie spüren und sehen: Ja, tatsächlich, da sind Menschen, die mir helfen, die mir ein gutes Wort sagen, das mir Mut macht und das mir neue Kraft gibt.

Ich denke an Ihr Pflegepersonal im Spital, in der Klinik oder im Altersheim; ich denke an Ihre Angehörigen daheim. Diese helfen Ihnen nicht nur durch Pflege, Behandlung oder Medikamente. Diese geben Ihnen noch mehr: ein aufmunterndes Lächeln, ein tröstendes Wort, ein zärtliches Streichen über Ihr Gesicht. Ich bin sicher, dass Sie diesen helfenden Menschen danken. Denn diese arbeiten für Sie und begleiten Sie, sodass Sie niemals mehr sagen müssen: „Ich habe niemand!“ Durch die Hilfe und Liebe dieser Menschen erscheint Ihnen und uns allen die Nähe und die Liebe Gottes. Es ist fast , als ob Jesus selber Ihnen durch diese Menschen sagen würde: „Steh auf! Bewahre Deine Hoffnung!“

Zu diesen Menschen gehören natürlich auch die Besucherinnen und Besucher, die im Auftrag der Seelsorger zuhause oder im Heim zu Ihnen kommen. Und auch die Priester und deren Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die mit Ihnen beten, die Eucharistie für Sie feiern und oder Ihnen die Kommunion spenden. Sind alle diese helfenden Mitmenschen nicht ein bisschen wie die vier Männer, welche einen Gelähmten zu Jesus bringen? Weil sie sich wegen der vielen Leute Jesus nicht nähern können, steigen sie auf das flache Dach des Hauses und lassen den Gelähmten ins Haus hinunter. (zum Lesen: Mk 2,1-12) Auch dieser Mann wird geheilt; auch ihm sagt Jesus: „Steh auf!“

Sie werden vielleicht nicht sofort und so einfach wie die beiden Männer im Evangelium aufstehen und weggehen können. Vielleicht werden Sie das im körperlichen Sinne auch nie mehr können. Aber Sie werden neuen Mut zur Geduld und neue Kraft zur Hoffnung haben. Sie werden die Liebe, die Sie erfahren, auch erwidern können. In dieser Liebe Gottes können wir ja alle miteinander verbunden sein: Gesunde und Kranke, Einsame und Gesellige, Junge und Alte, Kinder und deren Eltern. In dieser Liebe sollen wir einander helfen und miteinander auch Zeugen der Liebe Gottes zu allen Menschen sein!

Sie selber, liebe alte, einsame, behinderte oder kranke Menschen können Ihren Mitmenschen auch dadurch danken, dass Sie für diese beten: für Ihre Kinder und Ihre Familien, für Ihre Pflegerinnen und Helfer, für Ihre Pfarrei und für Ihr Dorf, für die Seelsorger und die Priester. In diesem „Jahr der Priester“ lade ich Sie mit unserem Heiligen Vater ein, gerade für die Priester besonders zu beten. Ich danke Ihnen dafür; ich danke Ihnen für Ihren Mut, Ihre Geduld und das Zeugnis Ihrer Hoffnung!

Gott segne Sie!

Sitten, am 7. März 2010.

+ Norbert Brunner
Bischof von Sitten